ablenkung als strategie
Womit?
Arbeiten. Feiern. Trinken. Scrollen. Essen. Sport. Lesen. Rauchen. Ausgehen. Sex. Sorgen. Einkaufen. Streiten. Schmerzen*. Reisen. Umziehen. Diät. Putzen. Kümmern. Träumen. Krankheitsprophylaxe. Schlafen. Meditieren. Netflix, Youtube und Co…
Sind das nicht total normale Tätigkeiten, alltägliche Dinge? Darunter einige sogar «gesellschaftlich» anerkannt?
Lass uns genauer hinschauen.
Normale Tätigkeiten sind dann ein Ablenkungsmanöver, wenn du «nicht anders kannst», wenn es exzessiv, fast zwanghaft erfolgt, ein «Muss» ist – ohne kannst und willst du nicht sein, es dir dabei «hilft», dass keine Langeweile oder freier Raum entsteht, wenn du eine Art «getrieben sein» empfindest, du dafür alle Hebel in Bewegung setzt, es dazu führt, dass du nie alleine bist oder umgekehrt sehr oft alleine bist (und sich das nur aushalten lässt, indem du dich – eben ablenkst), du rigide, unwirsch, mit Tunnelblick reagierst, wenn du nicht dazu kommst, du es tun musst, damit du dich ok, ganz, im Lot fühlst, du damit Situationen, Menschen oder anderen Tätigkeiten ausweichst und sie sind nicht wirklich ein Genuss.
So weit, so gut.
Das hast du vielleicht schon gewusst.
Und wäre es jetzt nicht ein toller Zeitpunkt, gewissen «schlechten Gewohnheiten» Adieu zu sagen und den tollen neuen Gewohnheiten, Hallo?
Der allseits bekannte Neustart, gerne an Neujahr?
Auch schon probiert?
Hat’s geklappt oder ist die Ablenkung irgendwann wieder aufgetaucht?
Oder wurde sie ersetzt durch eine andere, manchmal eine ganz ähnliche?
Was steckt dahinter?
Wir verwechseln die Ablenkung mit dem Ursprung.
Was verständlich ist, in Anbetracht dessen, dass die Ablenkung manchmal zu gesundheitlichen und/oder sozialen Schwierigkeiten führt. Auch in der (medizinischen) Behandlung wird leider oft das Symptom mit der Ursache verwechselt und bekämpft.
Das führt manchmal zur erfolgreichen Eliminierung der Ablenkung (aka des Symptoms) - bis dann die nächste auftaucht. Natürlich scheint es ein neues Problem zu sein.
Der Punkt ist, die Ablenkung ist nicht das Problem.
Und somit ist die neue Sucht oder wie immer du es bezeichnest auch kein neues Problem, sondern eine neue «Hilfe», um eben von etwas abzulenken.
Was, wenn es viel einfacher ist, eine Sucht, eine "schlechte" / ungesunde Gewohnheit loszulassen, als mit "Willenskraft"?
Was, wenn deine Ablenkungen nur dazu dienen, gewisse Emotionen nicht zu fühlen?
Viele Menschen haben sehr früh gelernt, dass gewisse Gefühle erlaubt und andere nicht erlaubt waren. Alle Gefühle wurden benannt und in Gruppen eingeteilt.
Gut, schlecht, normal, abnormal.
Einige wurden anerkannt, andere geächtet. Einige wurden begrüßt, andere komplett abgelehnt und vielleicht auch bestraft.
Es wurde behauptet: Sie ist ein fröhliches Kind – er ist immer wütend – sie weint bei jeder Gelegenheit – er ist ein Angsthase. Begleitet mit Beispielen oder «Beweisen» und untermalt mit erfreutem oder missbilligendem Tonfall.
Vielen wurde beigebracht, dass das Auftauchen bestimmter Gefühle nicht gut ist.
Oder, dass gewisse Gefühle nur für eine gewisse Zeitspanne akzeptabel sind. Wenn sie darüber hinaus auftreten, dann stimmt etwas nicht.
Wir lernen sehr früh bestimmte Gefühle zu unterdrücken. Wir schämen uns, wenn sie auftauchen. Und wir tun sehr viel dafür, den Erwartungen die an uns gestellt werden zu genügen.
Oder wir sehen Menschen aus einem Gefühl heraus agieren und aufgrund dessen folgern wir, dass dieses Gefühl wohl gefährlich ist.
Wir (er-)kennen den Unterschied zwischen dem Gefühl selbst und der Reaktion darauf nicht. Wir wissen nicht, dass es einen Entscheidungsspielraum gibt.
Oder wir waren in einer schwierigen Situation, fühlten große Angst (und andere Gefühle) und haben die Situation mit dem Gefühl gleichgesetzt.
Um eine solche Situation zu vermeiden, vermeiden wir das Gefühl.
Es scheint uns, als wäre es sicherer, auf gewisse Gefühle «zu verzichten».
Wir tun nun alles Menschenmögliche, um dieser «Gefahr» auszuweichen.
Der Preis ist die Ablenkung und damit das «Nicht ganz da sein».
Wir lernen das so gut, dass wir allen Ernstes behaupten können, wir würden z.B. nie «Wut» fühlen. Wir seien immer «ganz ruhig».
Es gibt jedoch einen Unterschied, immer «ganz ruhig» zu sein, weil man das Gefühl der Wut nicht zulässt und dem «ganz ruhig» sein, während man das Gefühl der Wut in sich spürt.
Was wissen wir über Gefühle?
Über jedes Gefühl?
Sie kommen und gehen.
Kein Gefühl ist je «stecken» geblieben. Wir konnten noch kein Gefühl festhalten.
Wir können versuchen, es willentlich zu erzeugen oder «heraufzuholen», aber es ist nicht permanent.
Es findet ausschließlich in unserer persönlichen Wahrnehmung statt.
Du kannst innerlich alles lustig finden, äußerlich aber (zumindest versuchen) «ernst» bleiben und auch so aussehen.
Du kannst Ärger fühlen und währenddessen spürt die Person neben dir etwas komplett anderes.
Das Gefühl und dein Ausdruck des Gefühls, sind nicht dasselbe.
Gefühle sind… ja was? Eine körperliche Erfahrung.
Du kannst sie nicht sehen, nicht berühren, nicht einpacken. Nur fühlen.
Was ich sehe, wenn du ein Gefühl hast, ist deine Reaktion darauf. Es ist nicht das Gefühl selbst.
Und da noch ein kleiner Einschub, was die Benennung von Gefühlen betrifft.
Woher wussten unsere Eltern und Bezugspersonen, was wir fühlen?
Was sie sahen, war unsere Reaktion darauf und nicht das Gefühl selbst.
Das kann dazu führen, dass wir zu einem Gefühl «Traurigkeit» sagen, obwohl es vielleicht etwas völlig anderes ist, nur weil Tränen kommen und Tränen z.B. mit Traurigkeit assoziiert wurden.
Zurück zum «Problem» der Ablenkung – das, wie wir jetzt wissen, nicht das eigentliche Problem ist, sondern eine Strategie. Eine sehr erfolgreiche, wenn auch nicht immer besonders glückliche Gefühlsvermeidungsstrategie.
Gefühle, vor denen wir Angst haben.
Und was tun wir, wenn wir Angst haben?
In den meisten Fällen vermeiden wir den Kontakt mit diesem etwas, vor dem wir uns fürchten.
Ist ja auch logisch, nachvollziehbar und verständlich.
Die Angst selbst jedoch macht im Falle von Gefühlen null Sinn.
Denn: Gefühle sind sicher.
Es kann nichts passieren, wenn du Ärger fühlst. Genauso wenig, wie wenn du Fröhlichkeit spürst.
Unser Körper ist genau dazu da, damit wir diese Erfahrung machen können.
Wie wäre es, dir selbst die Erlaubnis zu geben, deine Gefühle zu fühlen und es auszuprobieren?
Meine Einladung an dich:
Beginne damit, einfach wahrzunehmen, was passiert, wenn du auf dein bevorzugtes Ablenkungsmanöver verzichtest.
Setz dich quasi hin mit dem Gefühl das aufkommt und beobachte es.
Fühle, was es zu fühlen gibt.
Tu nichts damit.
Lass zu, was körperlich geschieht.
Sieh zu wie es sich wandelt.
Wenn du dich gedanklich nicht weiter im Gefühl engagierst, verliert es sich nach sehr kurzer Zeit (wenige als 2 Minuten).
Manchmal reicht dieses eine Mal bewusst mit dem Gefühl sein, damit der Bann bricht.
Oft sind unsere Ablenkungsstrategien lange geübt und "eingefleischt".
Aber mit jedem Mal, wo du dir den Raum gibst, zu fühlen, was es zu fühlen gibt, und du dem Teil in deinem Hirn, der Alarm schlägt damit zeigst, das alles Ok ist, machst du einen neuen Pfad für dich, um ein Leben im Hier und Jetzt zu erleben. Nicht gedimmt, sondern mit allem, was es bietet.
*Schmerzen sollen ein Ablenkungsmanöver sein?
Sehr oft ist es so.
Eine sehr erfolgreiche Methode unseres hilfreichen Gehirns, wenn wir ihm die Aufgabe geben, unsere Aufmerksamkeit weg von den unerwünschten Gefühlen zu lenken.
© Marlene Fuchs (marlenefuchs.ch)
Falls dich dein Gefühl zu überwältigen scheint und du dich absolut nicht darauf einlassen kannst: Lass uns reden. Ich kann dich mit einem geschützten Rahmen und erfahrener Begleitung bei diesem Prozess unterstützen.